»Auch bei der Kirche kann man streiken«

Am 25. Oktober hatte ich ein Interview in der Jungen Welt

Erneut ziehen die Pfleger der ­katholischen Marienhausklinik in Ottweiler in den Arbeitskampf. Nun besuchen sie den Bischof. Gespräch mit Ben Brusniak

Zum ersten Mal in der Geschichte haben Pflegekräfte eines katholischen Krankenhauses, der Marienhausklinik im saarländischen Ottweiler, vor zwei Wochen die Arbeit niedergelegt. Wie waren die Reaktionen darauf?

Die Kolleginnen und Kollegen waren von der enormen Solidarität überwältigt. Es gab etliche Solidaritätsbotschaften, hunderte Unterstützer kamen zur Demons­tration, viele besuchten das Streiklokal. Das hat den Streikenden gezeigt, dass sie nicht alleine stehen. Sie sind Teil einer trägerübergreifenden Bewegung für mehr Personal im Krankenhaus. Das ist ein tolles Gefühl. Die Geschäftsleitung hat allerdings nicht reagiert. Es gibt nach wie vor kein Gesprächsangebot.

Die Klinikleitung hat erklärt, es hätten nur wenige gestreikt, daher habe der Ausstand keine große Bedeutung gehabt. Ist das so?

Der Arbeitgeber hat im Vorfeld mit Repressionen gedroht und alles dafür getan, dass die Leute nicht am Streik teilnehmen. Und nachher »beschwert« er sich darüber, es hätten sich nicht viele beteiligt. Ich sehe das anders. Von den 49 Pflegekräften, die zu dieser Zeit im Dienst waren, haben zehn den Einschüchterungsversuchen getrotzt und die Arbeit niedergelegt. Weitere zehn Kolleginnen und Kollegen sind aus ihrer Freizeit zum Streik gekommen. Wenn man das in der Relation auf größere Krankenhäuser überträgt, ist eine 20protenzige Beteiligung durchaus respektabel.

Was ist aus den Drohungen der Geschäftsleitung geworden?

Bis jetzt ist nichts passiert. Wir sehen: Auch bei der katholischen Kirche kann man streiken.

Am heutigen Mittwoch streiken die Ottweiler Pflegekräfte erneut und fahren gemeinsam mit Beschäftigten anderer Kliniken des Marienhaus-Konzerns zum Bischof nach Trier. Was wollen sie ihm mitteilen?

Schon Anfang des Jahres haben die Kolleginnen und Kollegen dem Bischof in Briefen ihr Leid geklagt. Damals hat der Bischof zugesagt, dass er sich des Themas annehmen wird. Jetzt wollen die Pflegekräfte nachfassen und fragen: Was ist denn jetzt mit der Entlastung? Schließlich arbeiten sie in einem katholischen Krankenhaus und sehen den Bischof in der moralischen Pflicht, die unhaltbaren Zustände zu beenden. Der Bischof hat mitgeteilt, dass er das nicht könne. Er hat aber Funktionäre des Caritas-Verbands dazu beauftragt, mit den Streikenden zu reden.

Was erwarten Sie vom Bischof und den Unternehmern?

Sie sollen gemeinsam mit uns einfordern, dass die Regierung eine gesetzliche Personalbemessung auf den Weg bringt. Die Krankenhausträger – ob konfessionell, privat oder öffentlich – tragen die Verantwortung, für gesunde Arbeitsbedingungen zu sorgen. Es ist richtig, mehr Geld für die Krankenhäuser zu fordern. Aber dieses muss auch bei den Pflegekräften ankommen. Entlastung ist überfällig.

Der Streik in der Marienhausklinik ist Teil einer bundesweiten Bewegung. Auch in anderen Krankenhäusern wird heute gestreikt oder es laufen betriebliche Aktionen.

Ja, denn Entlastung ist nicht nur ein Thema in katholischen Krankenhäusern. Unabhängig von der Trägerschaft – die Pflegekräfte sind am Limit. Eben deshalb können wir diese Auseinandersetzung nur geeint angehen.

Im Bundestagswahlkampf haben fast alle Parteien erk

 

lärt, wie wichtig die Pflege ist. Was muss die neue Regierung tun?

Es darf nicht länger bei Lippenbekenntnissen bleiben. Die neue Bundesregierung muss verbindliche gesetzliche Personalvorgaben in allen Bereichen der Krankenhäuser machen. Als Sofortprogramm müssen 20.000 Pflegekräfte zusätzlich eingestellt werden. Damit kann kurzfristig Entlastung geschaffen werden, sodass niemand mehr allein auf der Station arbeitet, und die Qualität der Ausbildung kann gesichert werden. Getrennt davon fordern wir die Arbeitgeber auf tariflicher und betrieblicher Ebene auf, für gesunde Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Die Gewerkschaft macht solche Aktionen seit vielen

Monaten. Doch richtig geändert hat sich bislang nichts. Bringt das überhaupt etwas?

Einige Krankenhäuser ergreifen Maßnahmen, um die Situation zumindest punktuell zu verbessern. Andere verhandeln mit Verdi über Tarifverträge zur Entlastung. Das Wichtigste aber ist: Die Pflegekräfte entwickeln das Bewusstsein, dass sie gemeinsam und organisiert etwas bewegen können. Das ist ein ganz wichtiger Schritt und die Grundlage dafür, wirkliche Entlastung durchzusetzen.

 

Alle Rechte dieses Artikels liegen bei der Jungen Welt

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