Gesprächsfetzen im Zug oder ein ICE ist keine Anwaltskanzlei

Als Zugpendler habe ich ja schon Einiges erlebt. Die Spanne reicht von Platzhirschverhalten, unnötigen Beleidigungen über nette Bekanntschaften oder der eigenen Verpeiltheit bis hin zu rassistischen Gesprächsfetzen. Von Gesprächsfetzen handelt auch der heutige Beitrag. Genervt von PendlerInnengedränge und in der Erwartung irgendwo im Gang mich bequemen zu müssen, bin ich zunächst erfreut über die Tatsache, dass ich trotzallem einen Sitzplatz ergattern konnte. So weit so gut. Ich ziehe also meine Jacke aus und will gerade meine Kopfhörer aufziehen, um mir die Reisezeit mit Musik zu verkürzen, als mein Sitznachbar zu seinem klingelden Telefon greift.

(Bevor ich weitererzähle, muss ich hier eine kurze Charakterbeschreibung einfügen, welche wichtig für das eigene Kopfkino ist).
Also mein Sitznachbar ist so der Typ dunkler Anzug, rosa Hemd, Anfang oder Mitte 40 mit Aktenkoffer und strenger Frisur. Außerdem hat er nicht irgend ein Handy, sondern ein besonderes. Bei meinem Sitznachbarn scheint das Handy nicht wie alle anderen, sondern mit Druckluft zu funktionieren.

Zurück zur Ausgangsituation. Das Drucklufthandy klingelt und er geht dran. Wer jetzt ein „Hallo Schatz, ich sitz gerade im Zug, kann gerade nicht telefonieren“ erwartet hat, den muss ich leider enttäuschen, denn leider passierte genau das Gegenteil. Mein Nachbar war allen Anschein nach ein Rechtsanwalt, der am anderen Ende der Leitung einen Mandanten hatte. Die nächsten fünf Minuten wurde dann lautstark mit dem Mandanten die Prozessstrategie durchgegangen. Ich wollte nicht zuhören, ich hab sogar die Kopfhörer angezogen, trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass wesentliche Gesprächsfetzen von dem Mandantengespräch zu mir durchdrangen. Das hat mich genervt und zwar maßlos und deshalb habe ich den Rechtsanwalt, nachdem er mit dem Gespräch fertig war, angetippt und ihm eine Zusammenfassung seines Gespräches mittgeteilt. Zugegeben mit einem süffisanten Eingangsatz. Ich leitete meine Kritik also mit folgendem Satz ein: „Da Sieja so engagiert telefoniert haben, konnten sie sich keine Notizen machen, aber vielleicht hilft Ihnen meine Zusammenfassung und sie machen sich einfach jetzt ein paar Notizen“.  Völlig echauffiert plusterte sich der Anwalt jetzt auf und fragte was ich mir denn erlauben würde, das wäre ja schließlich ein vertrauliches Gespräch gewesen. Ich entgenete ihm, dass ein ICE nicht unbedingt der perfekte Ort für vertrauliche Gespräche sei und außerdem ein etwas leiseres Telefonieren in diesem Zusammenhang auch nicht schädlich sei. Ich weiß nicht, ob meine Kritik eine Einsicht ausgelöst hat, aber zumindest für mich hat es sich in mehreren Punkten gelohnt. Erstens: Ich weiß schon mal welchen  Anwalt ich nicht haben will. Und zweitens: Ich hatte die restliche Fahrt Ruhe und Platz.

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