Zugerlebnisse

Schon häufiger berichtete ich über die gewissen Reiserituale von Berufspendlern. Aber im Zug sind ja nicht nur Berufspendler, sondern auch einfache Reisende auf dem Weg von A nach B. Es gibt so gewisse Momente im Zug, die entscheiden ob man sich die gesamte Reisezeit peinlich anschweigt, um einfach nur in Ruhe gelassen zu werden und oder ob die Reisezeit durch angenehme Gespräche aufgelockert wird. Das sind wundervolle Momente, die ich nicht missen möchte. Einen dieser Momente habe ich immer noch im Gedächtnis. Ich möchte diesen Moment gerne mit Euch teilen.

Der gemeinsame Streckenabschnitt Berlin Ostbahnhof bis Kassel Wilhelmshöhe

Alles beginnt mit einer Verwechslung. Ich steige ein und beginne, es mir bequem zu machen als ein herzliches „Hi, was machst du denn hier im Zug? Ist ja schön, dich mal wieder zu sehen!“, von hinten an mich ran rauscht. Ich blicke mich überrascht um und sehe erst mal nichts Bekanntes. Was ich aber höre ist ein leises Uuupps und ein wieder etwas lauteres aber unsicheres „Sorry, dachte sie wären jemand anderes.“  Sie setzt sich auf den Platz in die gleiche Reihe, aber auf die andere Seite des Zuges. Ihr versteht schon, eigentlich sitzen wir nebeneinander, wenn der Gang nicht dazwischen wäre. Der Zug fährt los und von Ostbahnhof bis Hauptbahnhof passiert nichts Spektakuläres und das „Ich kann nicht reden, ich bin im Zug.“-Gefühl kommt langsam auf. Die Situation ändert sich als in Hauptbahnhof ein Pärchen mich höflich fragt, ob es möglich wäre den Platz zu wechseln, damit sie nebeneinander die Fahrt verbringen könnten. Ich setz mich also um und sitze jetzt tatsächlich direkt neben der Person, die mich vorhin noch verwechselt hat. Jetzt kommt der entscheidende Moment, der über Anonymität in der Masse oder interessante Zugfahrt entscheidet. Mein Gegenüber muss das Gleiche gedacht haben, denn zeitgleich sagen wir fast wortgleich: „Damit es keine Verwechslungen gibt, ich bin im Übrigen … „. Wir lachen und das Eis ist gebrochen. Wir unterhalten uns über unnötige ICE-Haltestellen, Mehrgenerationenhäuser, Sozialauthisten, unsere Jobs und Familien. Die Zeit vergeht so schnell und ich weiß jetzt Bescheid über das üble Leben einer Berlinerin, die eigentlich Schauspielerin ist und um Geld zu verdienen zusätzlich als Schulassistentin arbeitet. Außerdem weiß ich, dass unserer Partner beide an Lactoseintolleranz leiden. Und das Wichtigste ist, wir hatten eine sehr angenehme  gemeinsam Zugfahrt, die für mich leider nicht schon in Kassel zu Ende war, sondern erst drei Stunden später in Stuttgart. Danach war der Platz bis Fulda frei und irgendwie verging die Zeit im Zug danach langsamer. In Fulda saß dann jemand Fremdes auf dem Platz und sofort war es wieder da das Gefühl der Beklemmung das „Ich kann nicht reden, ich bin im Zug.“-Gefühl. Die Chemie stimmte einfach nicht und ich war froh, alle Abwehrmechanismen, die mir zur Verfügung standen auch benutzen zu können. Von Fulda ab saß ich mit aufgesetzter Kapuze, Ohrhörern und meinem Buch abgeschottet in meiner eigenen Welt, um mich vor der immer langsamer vergehenden Zeit und den anderen Menschen im Zug zu schützen. Als ich dann endlich drei Stunden später zu  Hause ankam, erzählte ich wie unterschiedlich Zugfahren sein kann  und schlief schließlich total erschöpft ein.

Denn eins ist klar, egal ob ich neue Leute kennen lerne oder ich aktiv versuche, in der Masse unterzugehen: Wenn ich zu Hause die Tür aufschließe, kommt niemals das Gefühl „Ich kann nicht reden, ich bin zu Hause“-Gefühl, sondern das „Schön, dass ich endlich bei dir bin“-Gefühl.

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2 Gedanken zu “Zugerlebnisse

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