Von Platzhirschen und imaginären Handtüchern auf Sitzplätzen

Seit kurzem gehöre ich ja zu den Pendlern. Das heisst, ich wohne in Stuttgart und mein Arbeitsplatz ist eben nicht in Stuttgart, sondern in Frankfurt. Aus Kostengründen und aus Bequemlichkeit, eigentlich hauptsächlich wegen der Bequemlichkeit fahre ich mit dem Zug und nicht mit dem Auto. Ich kann lesen, schlafen und Frühstücken.
Alles Dinge, die als Autofahrer nur unter akuter Lebensgefahr zu bewerkstelligen sind.

Doch mittlerweile kann ich sagen, auch Zugfahren ist mit unter nicht ungefährlich. Zum einen liegt das an der Qualität des Kaffees, der eine sehr stark verdauungsfördernde Funktion hat und in Verbindung mit dem Toilettenmobiliar eine prisante Mischung gibt.

Zum anderen liegt es aber auch and der Handtuchmentalität der Berufspendler. Was ich nicht wusste, aber ganz schnell feststellen musste, ist, dass neue Pendler nicht gleich Anspruch auf einen Sitzplatz haben. Denn es gibt ja schließlich Pendler, die machen das schon Jahre lang und haben so was wie Besitzstandswahrung oder gut organisierte Reservierungsgemeinschaften.

Oh Deutschland, was wärst du ohne deine Handtuchmentalität?
Falls ihr Euch je gefragt habt, wo trainieren die eigentlich für ihren Urlaub, na ja zum einen im Supermarkt an den Kassen, die fortgeschrittenen trainieren aber schon morgens zwischen 6 und 8 in den Zügen.

Einige Methoden habe ich bereits erkannt. Die begehrten Sitzplätzte, von denen ich rede, sind die BahnComfort-Plätze. Diese BahnComfort-Plätze berechtigen Vielfahrer, welche den Comfort-Status innehaben, dort auch ohne Sitzplatzreservierung einen Sitzplatz zu beanspruchen. Als Dankeschön sozusagen.

Methode 1
Der Drängler
Pendler wissen wo der exakte Haltepunkt der Tür ist. Sie versammeln sich dort und aufgrund der Schwarmintelligenz funktioniert das Einsteigen im Reissverschlussprinzip eigentlich optimal. Denn der Drängler meint es eiliger als alle anderen Passagiere zu haben, um einen Platz zu bekommen. Mit einer „lassen sie mich durch, ich bin Arzt“-Mentalität und ausgefahrenen Ellenbogen kämpft er sich durch den Zug. Er ist meist ein Einzelkämpfer und reserviert nicht für andere. Die anderen Rudeltiere, eh Pendler, strafen ihn mit Missachtung, aber er gewinnt seinen Sitzplatz.

Methode 2
Das klassische Handtuch
Es gibt Züge, die Starten erst in Stuttgart und werden meist 10 bis 20 Minuten vor Abfahrt am Gleis bereitgestellt. Meist in Wochenabständen wird in dem Fall ein Handtuchverteiler ausgewählt, der die freien Sitzplätze direkt belegt. Natürlich werden im Zug keine Handtücher genommen, aber Handtaschen. Rucksäcke und Kleidungsstücke schaffen so einer Pendlergruppe von bis zu 6 Personen einen Sitzplatz. Als Dankeschön für die Sitzplatzbereitstellung wird meist in Worten gedankt und mit einem koffeinhaltigem Heissgetränk gehuldigt.

Methode 3
Der Platzhirsch
Auch hier lässt sich ein bestimmtes Muster erkennen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Bahncomfort-Plätze alle belegt sind. Die Person scannt hierzu oberflächlich die Passagiere ab. Erkennt die Person jemanden, der nicht in aussieht wie ein Berufspendler, wird zielgerichtet angsprochen, ob diese Person überhaupt BahnComfort-Status besitzt. Wenn das der Fall ist, wird in hartnäckigen Fällen ein erneuter Scan durchgeführt und das Spiel wiederholt sich. Ist die angesprochene Person jedoch kein Bahncomfort-Kunde, wird diese lautstark aufgefordert, unverzüglich den Platz zu räumen. Der Gewinner des Sitzplatzes erhält jetzt anerkennendes Nicken und erntet Lob.

Es gibt bestimmt noch mehr solcher Stereotypen von Berufspendlern und Reservierungsexperten, wenn ihr also welche kennt, her damit.

Ich bin dann ma wech und überleg mir ne Sitzplatzstrategie, die nicht auf Kleinkrieg im Zugabteil basiert.

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