Asphaltkuss und über 5 Stunden Polizeiwillkür – ein Gedächtnissprotokoll


Eigentlich wollte ich hier einen Bericht über die Anti-Nazi-Aktivitäten am 30.Juli 2012 in Stuttgart abliefern, aber es kam anders, denn ab ca 11:40 Uhr ging der Tag anders als erwartet weiter. Doch lest selbst:

9:50 Uhr: Die ersten Menschen sammeln sich, um gegen die NPD zu demonstrieren.
10:15 Uhr: Am Karlsplatz beginnt die Kundgebung. Es sind mittlerweile ca. 250 Antifaschisten anwesend.
10:45 Uhr: Es gibt die Ansage, dass sich die Nazis Kronprinzstraße Ecke Büchsenstraße sammeln.
11:00–11:30 Uhr: Die Antifaschisten versuchen über mehrere Zugangswege, die Zufahrt für die Fahrzeuge der NPD zu blockieren.
11:30 Uhr: Der NPD-LKW ist auf Höhe des Rotebühlplatzs gesichtet worden.
11:35 Uhr: Die Polizei beginnt, einen Kessel am Rotebühlplatz zu bilden.
11:40 Uhr: Ich bin beim Durchgang zwischen einem PKW und einem LKW am weitergehen gehindert worden.
11:42 Uhr: Ich werde von Polizisten auf den Boden geworfen.
11:44 Uhr: Ich schreie meinen Namen in die Menge für den Fall, dass ich sofort mitgenommen werde.
11:45 Uhr: Mehrere Polizisten stehen um mich herum. Ich weiß nicht, was mit mir passiert. Ein leichtes Gefühl von Panik kommt in mir hoch. Ich spüre Sicherheitsschuhe ganz nah an meinem Körper.
11:47 Uhr: Ein Polizist fordert mich auf, aufzustehen. Ich antworte, dass ich das nicht kann, da ich mich momentan dazu nicht in der Lage fühle.
11:48 Uhr: Ich werde erneut aufgefordert, aufzustehen. Der Aufforderung wird Nachdruck verliehen, indem ich von hinten aufgerichtet werde und ein Polizist mich von vorne mit hochzieht. Ich werde in den Kessel am Rotebühlplatz geführt.
11:50 Uhr: Ich bin mit ca. 60 anderen Antifaschisten eingekesselt. Niemand sagt uns warum wir eingekesselt sind. Im Kessel befinden sich auch min. 4 Passanten, die zufällig im Kessel gelandet sind.
12:20 Uhr: Weitere Polizisten erreichen den Kessel. Ein zweiter Ring entsteht.
12:30 Uhr: Die Polizei beginnt, einzelne Personen aus dem Kessel zu holen und sie vermutlich in die GESA (Gefangenensammelstelle) zu bringen.
13:40 Uhr: Wir sind mittlerweile 2 Stunden unter praller Hitze eingekesselt ohne Angabe von Gründen. Wir haben Durst und keine Getränke.Ich melde der Polizei das ich Diabetiker bin, und kriege als Antwort ,warum ich trotz meiner Krankheit demonstriere, das wäre ja unverantwortlich meiner Gesundheit gegenüber. Essen oder Trinken bekomme ich jedoch nicht.
13:42 Uhr: Wir bekommen Getränke, allerdings nicht von der Polizei, sondern von solidarischen Genossinen und Genossen außerhalb des Kessels.
13:45 Uhr: Ein Kamerawagen der Polizei fährt vor und filmt ab jetzt permanent den Kessel.
13:45 Uhr: Weitere BFE’s (Beweissicherungs- und Festanahmeeinheiten) treffen am Kessel ein und scannen den Kessel ab.
13:50 Uhr: Außerhalb des Kessels solidarisieren sich Passanten mit den Gekesselten und fordern deren Freilassung.
14:00 Uhr: Mittlerweile sind noch ca. 40 Leute im Kessel. Von der Polizei immer noch keine Stellungnahme warum wir eigentlich gekesselt sind. Mittlweile ist per Telefon bestätigt, dass alle, die aus dem Kessel gebracht werden, polizeilich in die GESA an der Wasenwache geleitet werden.
14:30 Uhr: Die berittene Polizei patrouliert am Kessel.
14:40 Uhr: Ich bin seit mittlerweile 3 Stunden im Kessel. Die Sonne brennt und die Blase fängt an, sich zu melden.
15:30 Uhr: MdB Michael Schlecht (DIE LINKE) erscheint am Kessel und erkundet sich nach unserem Wohlbefinden.
15:40 Uhr: Mittlerweile bin ich 4 Stunden im Kessel. Immer noch keine Aussage warum und weshalb wir eingekesselt sind. Die Hitze ist zeitweise unerträglich. Eingekesselt sind noch ca. 30 Menschen.
16:00 Uhr: Ich werde aus dem Kessel geleitet und an der Theodor-Heuss-Straße werde ich sichtbar für alle, auch für die Passanten, durchsucht.
16:10 Uhr: Ich bekomme eine Nummer auf meine Brust geklebt und werde in verschiedenen Ausführungen gefilmt. Als erstes nur das Gesicht frontal, danach das Gesicht mit Mütze, danach mein Gesicht mit Kaputze und Sonnenbrille. Abschließend werde ich aus ca. 2 m Entfernung komplett aufgenommen (ohne Sonnenbrille aber mit Mütze).
16:20 Uhr: Ich werde zur GESA an der Wasenwache gebracht.
16:40 Uhr: Den Kessel mitgerechnet bin mittlweile 5 Stunden in Gewahrsam.
17:20 Uhr: Ein Beamter erteilt mir ein Platzverweis für die Bereiche Hauptbahnhof/Tübinger-Straße/Schlossplatz/Rothebühlplatz sowie das Wasengelände bis 20 Uhr.
17:30 Uhr: Ich darf die GESA verlassen und mache das auch.
Ich weiß immer noch nicht warum ich eigentlich gekesselt worden bin und was jetzt weiter passiert.

Die Zeitangaben sind als circa Angaben zu verstehen. Denn als ich zu Boden geworfen wurde, habe ich nicht noch schnell auf die Uhr geguckt. Dieser Beitrag ist nur ein Gedächtnissprotokoll, keine politische Bewertung, die wird an anderer Stelle zu finden sein.

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